Unser Sommerrätsel 2016

Bild Sherlock Holmes und sein Assistent Dr. Watson versuchen schon seit Wochen, den Einbruch in den Landsitz des Lord Checkmateley aufzuklären. Heute haben sie sich noch einmal zum Besuch angekündigt, um Spuren zu sichern und Zeugen zu befragen.
Der Lord hat ihnen gestattet, sich überall umzuschauen, während er mit seinem Besucher, dem Earl of Stalemate, eine Partie Schach spielt.
Bild Als Holmes und Watson in den Salon zurückkehren, haben die beiden Herren gerade eine Pause eingelegt und sich in den Garten begeben. Sherlock Holmes betrachtet die Stellung der unterbrochenen Partie und bemerkt ärgerlich:
„Die Herren waren wohl in Eile. Jemand muss beim Aufbruch an das Brett gestoßen sein und so ist dieser Bauer genau auf den Schnittpunkt der Felder c4, d4, c5 und d5 gerutscht. Ich bin sicher, dass er auf eines dieser vier Felder gehört, aber ich kann nicht herausfinden, wohin.“

Sie gehen in den Garten, besprechen sich dort kurz mit Checkmateley und seinem Gast. Dann kehren die Gentlemen ins Haus zurück, um ihre Partie fortzusetzen. Holmes und Watson sprechen einige Zeit mit dem Gärtner. Hat er etwas mit dem Einbruch zu tun? Dann untersuchen sie die Umgebung der großen Terrasse. Vor allem an dem Brunnen im weitläufigen Park scheint es verdächtige Spuren zu geben.

Bild Als sie in das prunkvoll eingerichtete Gebäude zurückkehren, haben die Herren ihre Partie inzwischen beendet und die Schachfiguren beiseite geräumt. Man hört gerade noch, wie einer der Gentlemen – wer es war, kann man nicht genau erkennen – sagt: „Ach, hätte ich nur nicht diesen dummen Fehler in der Eröffnung gemacht – dann hätten Sie mich später nicht matt gesetzt.“

Holmes und Watson wollen nicht länger stören und verabschieden sich freundlich.
Als sie das Anwesen verlassen, fällt Dr. Watson etwas ein: „Ach, jetzt haben wir doch vergessen, zu fragen, wo der verrutschte Bauer hin gehörte. Ich hätte es zu gerne noch gewusst.“
Bild Doch Sherlock Holmes bleibt ganz ruhig: „Ich weiß jetzt, auf welchem der vier Felder der Bauer gestanden hat."
Watson blickt ihn irritiert an: "Aber wie denn das? Wir wissen nicht einmal, wer die Partie gewonnen hat und wer mit Schwarz oder Weiß gespielt hat. Wir haben auch nicht gefragt, wer eigentlich am Zuge war.“
Doch die Antwort des Detektivs macht ihn nicht klüger: "Das alles brauchte ich auch nicht zu erfragen, aber ich weiß jetzt, wo der Bauer stand!"

Wisst ihr es auch?

Dann schickt eure Lösung per Email an den Webmaster. Die besten Antworten werden nach den Sommerferien hier veröffentlicht.

Und hier noch ein paar kleine Hinweise:
  1. Die Gentlemen haben eine normale Schachpartie gespielt, alle Regeln wurden eingehalten.
  2. Das Brett steht korrekt, Weiß spielt „von unten nach oben“.
  3. Ich habe euch keine Information verschwiegen. Lösungsversuche wie „Der Gärtner hat’s verraten“ fallen also aus.
  4. Wir brauchen eine lückenlos stimmige Beweisführung – so, als müsste Sherlock Holmes einen Verbrecher überführen.
  5. Wer möchte, kann auch ausgehend von der abgebildeten Stellung den wahrscheinlichsten Fortgang der Partie beschreiben. Beide Gentlemen sind starke Schachspieler, haben also ab jetzt immer den besten Zug gespielt.

Die Auflösung

Zu Hause angekommen kann Dr. Watson die Erklärung des Schachrätsels kaum erwarten. Während sich Holmes in aller Ruhe einen Tee bereitet, hat er schon die rätselhafte Stellung auf dem heimischen Schachtisch aufgebaut – ganz fehlerfrei aus dem Gedächtnis, worauf er sogar ein wenig stolz ist. Den verrückten – äh, verrutschten – Bauern positioniert er genau auf dem Schnittpunkt der Felder c4, d4, c5 und d5.
"Sie erinnern sich…" – Sherlock Holmes ist mit der Teetasse in der Hand hinzu getreten – "… dass wir kurz vor unserem Aufbruch noch eine wichtige Information über diese Schachpartie erhielten?"
Nein – daran erinnert sich Dr. Watson ganz und gar nicht. "Sie haben doch nicht einmal gefragt, wer am Zuge war.", antwortet er vorwurfsvoll.
"Das brauchte ich nicht. Ich wusste es in dem Moment, als einer der Gentlemen enttäuscht von seiner Niederlage berichtete."

Bild Die Fragezeichen in Watsons Augen werden immer größer. "Sehen Sie…", hilft ihm Sherlock Holmes auf die Sprünge: "Was wäre denn, wenn hier Weiß am Zuge ist?"
Der Doktor denkt eine Weile nach und zählt dann die Zugmöglichkeiten auf: "Er kann den König nach b1 spielen oder eben den mysteriösen Bauern um ein Feld nach vorn ziehen – ganz egal, wo dieser nun steht. Und Schwarz kann dann…", Dr. Watson stutzt einen Moment, ehe er es begreift: "Ja, egal was Weiß spielt. Schwarz ist danach patt."

"Sehr gut, Watson!", lobt ihn Holmes mit einem Anflug von Ironie. "Wir wissen aber, dass die Partie nicht mit einem Patt endete. Sie wurde weiter gespielt, und schließlich setzte einer der Herren seinen Gegner sogar matt.
Dann wissen wir jetzt auch, dass Weiß nicht am Zuge sein kann, denn alle seine Möglichkeiten führen sofort zum Patt."

Watson braucht einen Moment, diese Wahrheit zu verstehen. Er will seinem Meister schon Recht geben, doch da scheint er zu triumphieren: "Aber Holmes, das gilt doch erst recht, wenn Schwarz am Zuge wäre. Er kann sich nicht mehr bewegen, steht auch nicht im Schach. Also ist er patt, und die Partie sofort mit diesem Patt beendet. Die Gentlemen müssen sich geirrt haben."

"Mein lieber Watson, seien Sie nicht so voreilig.", weist ihn Holmes zurecht. "Schauen Sie noch einmal auf alle vier Felder. Auf einem davon hebt der weiße Bauer das Patt auf – und genau dort muss er gestanden haben."
Watson blickt nun lange auf die Stellung, aber was er auch probiert, er kommt der Lösung um keinen Zoll näher. Holmes hat inzwischen seinen Tee genüsslich ausgetrunken und schreitet zur Tat. Triumphierend stellt er den weißen Bauern auf das Feld c4. Fragend blickt er Watson an, doch der hat noch immer nicht begriffen. Langsam aber lösen sich seine Gesichtszüge: "Sie meinen, Schwarz kann jetzt en passant schlagen?"

"Nein", antwortet der geniale Detektiv. "Er kann nicht nur – er muss. Es ist sein einziger legaler Zug." Watson erinnert sich an die Schachregeln und scheint ein Haar in der Suppe zu finden: "Woher wollen Sie denn wissen, dass der weiße Bauer gerade den Doppelschritt von c2 nach c4 gemacht hat?" Doch auch hier ist Holmes um keine Antwort verlegen: "Ich weiß, dass es so gewesen sein muss. Die Partie ging aus dieser Stellung noch weiter, und dies ist die einzige Möglichkeit, eine regelkonforme Fortsetzung zu finden."

"Übrigens sehen Sie gewiss, dass Weiß hier ganz klar überlegen steht. Ich bin sicher, er war es, der die Partie gewonnen hat. Mit Ka1-b1 hält er zunächst den schwarzen Bauern auf und erobert ihn wenig später. Dann wird der weiße Freibauer bis zur Grundreihe durchlaufen, sich in eine Dame verwandeln und den schwarzen König mattsetzen."

Die Auswertung

Beim diesjährigen Sommer-Rätsel gab es deutlich mehr Zuschriften als in früheren Jahren. Mehr als ein Dutzend Schülerinnen und Schüler schickten eine Lösung ein – und alle waren richtig! Die Begründungen des Lösungswegs waren allesamt schlüssig. Meist wurde auch noch der weitere Partieverlauf skizziert – sehr gut!
Auch der AG-Leiter und ein früheres Mitglied, das sich inzwischen schon längst im Studium befindet, waren dabei. Schön, wenn man auf diese Weise merkt, dass auch Ex-Herderschach-Spieler noch regelmäßig auf der Homepage vorbeischauen.
Einige ältere Schüler hatten die Aufgabe mehr oder weniger gemeinsam beim Vereinsabend gelöst. Auch unsere jüngsten Spieler knackten die Nuss. Stellvertretend seien Maris Plenio, Fabian Schmitt und Maxim Mironovschi genannt.
Die erste Mail-Einsendung kam von Daniel Lewin schon am Folgetag der Veröffentlichung. Die weiteste Reise hatte wohl die Einsendung von Theo Schucht hinter sich. Sie kam aus dem Urlaub, den er in Frankreich bei einer schachbegeisterten Gastfamilie verbrachte. Da hatte er gewissermaßen "Heimvorteil", was die richtige Schreibung des schwierigen Wortes en passant betrifft. Hier gab es schon recht abenteuerliche Varianten. Von "on passon" (nanu, gleich zweimal) und "o passo" war zu lesen. Lisa Kirchhoff ergänzte ihre Schreibweise selbstkritisch mit "keine Ahnung wie es geschrieben wird" – sie hatte es aber richtig geschrieben…


Aufgabe nach Raymond Smullyan, Textfassung Thomas Binder