Unser Sommerrätsel 2017

Bild Bild „Stellen Sie sich vor, Watson, was unserem alten Freund, dem Lord Checkmately, widerfahren ist! Man hat von der Empore seiner Bibliothek eine wertvolle, alte Vase gestohlen. Er ist untröstlich, handelt es sich doch um ein Stück, das seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie ist. Wenn nächsten Monat seine Schwester zu Besuch kommt, wird sie ein Höllen-Gezeter über diesen Verlust machen.“ Sherlock Holmes hatte kaum sein Arbeitszimmer betreten, als er seinen Assistenten mit dieser Neuigkeit aus dem Mittagsschlaf riss.
„Wie konnte das denn passieren?“ fragte Watson noch etwas verschlafen zurück.
„Das ist es ja: Sie wurde sozusagen unter seinen Augen entwendet, während er in der Bibliothek saß und sich mit der Analyse einer berühmten Schachpartie beschäftigte.“

„Na, Holmes, wie ich Sie kenne, haben Sie doch sicher schon einen Verdächtigen.“, fragte Doktor Watson.
„Zwei habe ich, zwei.“, antwortete Holmes wenig amüsiert. „Es kommen eigentlich nur die beiden Butler Charles und James in Frage. Nur sie waren gestern zu später Stunde noch im Hause.“
„Und, haben die Herren ein Alibi?“
„Beide sagen, sie hätten die Analyse jener Schachpartie verfolgt und könnten sich genau an die Schlussstellung erinnern.“
„Der Lord wird doch wissen, wer mit ihm im Raum war.“
„Watson, Sie kennen doch diese Schachspieler. Wenn man ihnen eine interessante Partie zeigt, vergessen sie alles um sich herum. Checkmately konnte sich nur erinnern, dass da noch jemand im Raum war, aber er kann nicht sagen, wer es war. Und nach der Endstellung der Partie konnte ich ihn nicht mehr fragen. Er ist gleich nach unserem Gespräch verreist – nicht ohne mich dringend zu bitten, dass ich das Verschwinden der Vase aufklären möge.“
„Wie kommen wir da weiter?“
Bild Bild „Nun, ich habe mir von beiden Butlern die betreffende Stellung zeigen lassen. Sie sind sich dabei einig – bis auf ein kleines Detail. Charles baute diese Stellung auf.“ Sherlock Holmes zeigte die hier links abgebildete Stellung.
„James erinnerte sich an diese Position.“ Flugs tauschte der Detektiv eine einzige Figur aus, so dass die rechts gezeigte Stellung entstand.
„Da ist also nur die Frage, ob auf g3 ein weißer oder ein schwarzer Bauer steht. Ist das denn so wichtig?“ fragte Watson.
„Es würde uns wohl helfen.“, antwortete Holmes. „Wer nahe am Brett stand, wird das kaum verwechseln. Von der Empore aus liegt der Schachtisch hingegen etwas im Schatten, da kann man sich in der Farbe einer einzelnen Figur schon mal irren. Sie erinnern sich gewiss, dass der Lord kunstvoll gefertigte Schachfiguren aus edlen Hölzern verwendet. Da sind die Farbschattierungen aus der Distanz manchmal etwas irritierend. – Kurzum, ich denke, die richtige Stellungsbeschreibung ist zumindest das bessere Alibi.“

Beide Herren blickten eine Weile ratlos auf das Schachbrett, als es klopfte und Mrs. Hudson eintrat. In der Hand hielt sie ein Blatt Papier. „Gerade eben wurde ein Telegramm von Lord Checkmately abgegeben.“
Holmes überflog die Zeilen und meinte dann: „Das ist ja wirklich interessant. Dem alten Herren ist noch etwas eingefallen, demnach hat er wirklich eine ganz außergewöhnliche Schachpartie analysiert. Während der ganzen Partie hat keine Figur und kein Bauer die Farbe des Feldes gewechselt. Von schwarzen Feldern wurde immer nur auf ein anderes schwarzes Feld gezogen oder geschlagen.“
„Und von den weißen Feldern immer nur auf ein anderes weißes?“
„So ist es. Ich denke, das bringt uns weiter. Was meinen Sie, Watson?“
Bild „Es sagt uns zumindest, dass die Springer nie gezogen haben. Sie wechseln doch mit jedem Zug die Farbe unter ihren Hufen.“ Dr. Watson war stolz, dass er sich dieses Detail aus dem Anfängerkurs des Schachclubs gemerkt hatte.
„Stimmt, die Springer müssen also auf ihren Anfangsfeldern geschlagen worden sein.“
„Das hilft uns sicher ein gutes Stück weiter?“
„Nein, leider überhaupt nicht. Aber halt – mir kommt da eine andere Idee.“
Watson sah Sherlock Holmes fragend an, der sofort ergänzte „Ich glaube, ich weiß, von welcher Farbe der Bauer g3 sein muss. Wir können wohl Inspektor Lestrade informieren, welchen Verdächtigen er festnehmen soll.“

Wie hat Sherlock Holmes so schnell herausgefunden, ob auf g3 ein weißer oder schwarzer Bauer steht?
Der entscheidende Hinweis steckt natürlich in der Information, dass niemals eine Figur beim Ziehen oder Schlagen die Farbe des Feldes gewechselt hat.
Es war zwar eine denkbar komische Schachpartie, aber zumindest wurde streng nach den gültigen Regeln gespielt.

Also: Versucht euch mal an der Lösung. Sie ist gar nicht so schwer. Man muss eigentlich nur die Schachregeln kennen, ansonsten sind es mehr kriminalistischer Spürsinn und fast ein mathematischer Beweis.
Bitte schickt eure Lösung oder Rückfragen per Email an den Webmaster. Die besten Antworten werden nach den Sommerferien hier veröffentlicht.


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Lösung und Auswertung

Wir freuen uns über die sehr gute Resonanz, die unser Sommerrätsel 2017 gefunden hat. Es sind 24 richtige Lösungen eingetroffen. Auffällig war, dass sich viele Kids der Herausforderung stellten, die erst im neuen Schuljahr zum Herder-Gymnasium stoßen. Toll, dass die "Noch-Nicht-Ganz-Fünftklässler" so gut mit gerätselt haben.

Wer sich in die Aufgabe hinein dachte, fand bald heraus, dass es einfacher wird, "wenn man es nicht vom Anfang angeht sondern vom Ende" (Zitat: Konstantin Bobenko).
Mit diesem Herangehen fand man dann die Lösung vor allem, wenn man sich die Frage stellte, wie denn wohl der weiße König nach b4 gelangt ist. Auch hier wollen wir einen Teilnehmer zitieren. Thore Surburg formulierte schlüssig: "Da er nicht auf d2 und f2 kommt, muss er eine Rochade machen. Bei einer langen Rochade kommt der weiße Turm nicht auf ein gleichfarbiges Feld, daher muss der König eine kleine Rochade machen. Anschließend muss er auf h2 und dann auf g3 kommen. Nur die erste Abbildung kann richtig sein, weil der weiße Bauer auf g3 von h2 kommen muss und da er am Ende immer noch da steht war dieser Weg für den König die ganze Zeit versperrt. Deshalb ist die erste Abbildung richtig."

Damit ist gezeigt, dass auf g3 kein weißer Bauer stehen kann. Im Kontext der Aufgabe möge das genügen, sonst hätten nämlich beide Butler gelogen.
Gehen wir etwas strenger heran, so muss man noch zeigen, dass die Stellung mit schwarzem Bauer g3 unter den kuriosen Umständen dieser Partie überhaupt möglich ist. Das kann man durch die Konstruktion einer sogenannten Beweispartie erreichen. Gleich mehrere Schüler wagten sich an diese zusätzliche Herausforderung. Die (bislang) kürzeste Partie erdachte Maxim Mironovschi. Er schaffte es in 40 Zügen. Viel schneller wird es nicht gehen, doch vielleicht findet jemand einen kürzeren Weg zu unserer Rätselstellung?
Sehen Sie hier die bisherige Rekordpartie von Maxim zum Nachspielen: Beweispartie von Maxim


Aufgabe nach Raymond Smullyan, Textfassung Thomas Binder