Jugend-Winter-Open 2014

1. Tag

Bild Aufregender erster Turniertag für unsere sieben Winter-Open-Teilnehmer:

Blickt man auf die Tabelle, fällt zuerst Daniel ins Auge. An Nummer drei gesetzt, feierte er heute zwei standesgemäße Siege. Konzentriert nimmt er die Ziele DWZ-Verbesserung und Podest-Platzierung ins Visier.

Für mehr Aufsehen sorgte allerdings die Vormittagspartie von Severin. Gegen die Nummer 2 der Setzliste spielte er eine ganz starke Partie. Man war zwar schon nach zwöf Minuten im Turmendspiel angekommen (siehe Foto), dieses dauerte dann aber noch gut zwei weitere Stunden. Severin verwertete mit voller Konzentration seinen Mehrbauern, traf dabei mehr als einmal weitsichtige strategische Entscheidungen. Das war ganz großes Schach!

Bild Um so bedauerlicher ist es, dass Severin dann am Nachmittag gegen eine um mehrere Jahre jüngere Spielerin nicht zur richtigen Einstellung fand und – trotz frühem Materialgewinn – drastisch verlor. Die nächsten Tage müssen zeigen, dass er das Zeug hat, sich von diesem Rückschlag zu erholen.

Die zweitbeste Bilanz unserer sieben Vertreter – nein ich rede jetzt nicht von den sieben Schachzwergen – hat nach den beiden Auftaktrunden Brian. Mit 1½ Punkten gegen zwei Gegner mit vierstelliger DWZ ist das Ziel einer ansehnlichen Erst-DWZ fest im Blick.

Gute Nachrichten kommen auch von Tom (Foto rechts). Am Vormittag hielt er gegen einen starken Gegner bis ins ausgeglichene Endspiel mit. Erst dort unterliefen dann ein paar Ungenauigkeiten. Ein brillantes Endspiel zeigte Tom dann in der 2. Runde. Er kam mit Läufer + 2 Bauern gegen Turm + 1 Bauer in diese Partiephase und stellte hier den gegnerischen Turm mit zwei Freibauern an entfernten Flügeln vor unlösbare Probleme.

Licht und Schatten beschreiben den ersten Turniertag für Malte und Duc Anh. Beide haben Sieg und Niederlage auf der Scorecard stehen, wobei sie in den jeweils verlorenen Partien wohl nicht ihr wahres Können zeigten. Darauf warten wir auch bei Julian noch, dem heute einfach gar nichts gelingen wollte.

2. Tag

Haben wir ein…

… Mädchenproblem?
Fast könnte man das glauben, wenn man auf die Ergebnisse an den beiden ersten Tagen blickt. Die Bilanz unserer Jungs gegen das "schwache Geschlecht" liegt nach sieben Partien bei 2½:4½. Das lässt einiges an Interpretation zu – auf jeden Fall offenbart es aber Nachholebedarf.

Die Partien des zweiten Tages

Bild Unbeeindruckt von der zum Teil doch recht abenteuerlichen Spielweise an einigen Brettern zeigt sich nur Daniel (Foto rechts). Mit 3½ Punkten liegt er nach vier Runden in der Spitzengruppe. Der abgegebene halbe Punkt war zwar heute nicht eingeplant, musste mit Blick auf den Partieverlauf aber sogar noch als "Schadensbegrenzung" verbucht werden. Gegen die Französische Verteidigung wird sich Daniel jetzt jedenfalls etwas anderes als die Vorstoßvariante ansehen. Der leichte Sieg am Nachmittag hält ihn im Rennen um die Podestplätze.

Bild Brian und Tom liegen mit 50% gut im Rennen. Vor allem Brian (alle Gegner mit DWZ über 1000) nimmt Kurs auf eine ansehnliche Erst-DWZ. Beiden war heute in Runde 4 der konditionelle Verschleiß des schweren Turniers anzumerken.
Vormittags hatte vor allem Tom mit dem schön erspielten Sieg gegen seine Klassenkameraden Duc Anh überzeugt. Brian spielte eine ordentliche Partie. Im Damenendspiel merkte er aber zu spät, dass sich der Vorteil verflüchtigt hatte und man jetzt schon das mehrfach angebotene Remis durch Zugwiederholung hätte annehmen müssen. Zum Glück war die Gegnerin nach schwerem Kampf auch nur noch auf einen halben Punkt fixiert.

Duc Anh (Foto links) unterlag zunächst im klassen-internen Duell gegen Tom, revanchierte sich dann aber seinerseits mit einem sicheren Erfolg gegen einen Teamkameraden aus seiner früheren Grundschule. So kann auch er mit 50% auf die zweite Turnierhälfte blicken.

Bei 50% steht schließlich noch Severin. Am Morgen unterlag er einer klar besseren Spielerin. Schade, dass er die tolle Konzentrationsleistung vom Vortage nicht wiederholen konnte. Nachmittags siegte Severin dann in einem weiteren internen Herderschach-Duell gegen Julian.

Malte blieb heute sieglos. Ein Remis und eine Niederlage waren weit von seinem Können entfernt und rufen nun morgen nach Wiedergutmachung. Eine solche ist Julian heute zumindest teilweise gelungen. Die Drittrundenpartie wurde sicher gewonnen und auch gegen Severin konnte er den Kampf lange ausgeglichen halten.

3. Tag

Daniel springt an die Tabellenspitze

Das war wohl heute für Daniel der bisher intensivste Schach-Turniertag überhaupt. Mit vorbildlicher kämpferischer Einstellung konnte er zweimal das Brett als Sieger verlassen und hat nun morgen die Chance, den Turniersieg aus eigener Kraft abzusichern.
Am Vormittag musste Daniel gegen den über sich hinaus wachsenden Minh Tham vom SC Zitadelle bis an die Grenzen gehen. Mit 3½ Stunden erlebten wir wohl die längste Partie des ganzen Opens. In einem hoch komplexen Turmendspiel mit beiderseitigen Freibauern setzte sich Daniel schließlich durch.

Nach nur 15 Minuten Pause kam es dann zur vielleicht vorentscheidenden Partie um den Turniersieg. Daniel traf auf Super-Talent Kevin Roho vom SC Weisse Dame. Kevin hatte im Vorjahr als Gesamtsieger des Abrafaxe-Turniers erste Spuren in Berlin hinterlassen, spielte dann bei der Europameisterschaft für sein Heimatland, die Ukraine, und bereichert nun wieder die Berliner Kinderschach-Szene. Bisher hatte er sich in diesem Turnier eine weiße Weste bewahrt.
Daniel baute sich gegen Kevins Skandinavisches Gambit ruhig auf und entfaltete im Mittelspiel mit den Schwerfiguren Druck über die zentralen Linien. Diesen Druck wollte Kevin durch das Opfer zweier Leichtfiguren für Turm und Bauer abschütteln. Doch Daniel blieb am Drücker, blockierte den gegnerischen Freibauern und hielt auch bei reduziertem Material die Initiative fest. Ein weiterer Materialgewinn beendete die Partie.

Bild Bild Gute Ergebnisse für (fast) unser gesamtes Team

Insgesamt verlief dieser dritte Turniertag für uns sehr erfolgreich.
Allerdings bleibt es dabei, dass wohl an jedem Tag mindestens ein Spieler etwas neben sich steht. Dieses Schicksal ereilte heute Brian.
Alle übrigen Spieler konnten reichlich Beute einfahren: Zwei Siege für die bisherigen "Sorgenkinder" Julian (Foto links) und Malte (Foto rechts), je 1½ Punkte für die beiden Jüngsten Tom und Duc Anh. Severin setzte mit (unnötiger) Niederlage und Sieg seine Achterbahnfahrt fort. Morgen kann er das Turnier mit einer konzentrierten Leistung noch zu einem Erfolgserlebnis machen.

Während die meisten Siege recht problemlos gelangen und auch nicht allzu viel Zeit in Anspruch nahmen, bleibt vor allem eine Remispartie in Erinnerung:
Tom geriet gegen einen deutlich erfahreneren Spieler (DWZ 1165) in ein Endspiel mit einem Minusbauern bei ungleichen Läufern. Er demonstrierte dann am Brett das Remisverfahren in solchen Endspielen so perfekt, als habe er alle Lehrbücher zu diesem Thema schon auswendig gelernt.

7. Runde

Es ist geschafft – Daniel hat auch in der letzten Runde nichts mehr anbrennen lassen. Mit einem weiteren Sieg macht er seinen Gesamterfolg im Jugend-Winter-Open komplett. Ein Mehrbauer brachte im Endspiel den entscheidenden Vorteil.

An den übrigen Brettern konnte heute nur Malte einen vollen Punkt einfahren. Er schiebt sich damit noch weit nach vorn und ist unser zweitbester Vertreter.
Versöhnlicher Abschluss mit einem Remis für Brian, während die übrigen Spieler nach der gestrigen Erfolgswelle heute gegen stärkere Konkurrenz ohne Punkte blieben.

Fazit

Bild Bild Nach den Siegen beim Sommer-Open (Kristoffer) und dem Herbst-Open (Brian und Tom) haben wir auch das Winter-Open für uns entschieden. Eine solche Dominanz in dieser Turnierserie war nicht in den kühnsten Träumen zu erwarten.
Das Winter-Open ragt mit der deutlich stärkeren Besetzung und den entsprechenden Turnierbedingungen (Bedenkzeit, Schreibpflicht, DWZ-Auswertung) dabei deutlich heraus. Hier wurde zumindest an den vorderen fünf Brettern starkes Turnierschach gespielt.

Das Erfolgsgeheimnis hinter Daniels Gesamtsieg ist die richtige Mischung von schachlichem Können und sportlicher Wettkampfeinstellung. Das war wirklich vorbildlich.

Die übrigen Spieler des Herderschach-Septetts katapultierten den Trainer in eine Achterbahn aus Jubel und Enttäuschung.
Dass Malte klar unser zweitbester Spieler wurde, hat sicher auch etwas mit persönlicher Reife und Einstellung zu tun. Er verkraftete den holprigen Start gut und arbeitete sich noch weit nach vorn. Uneingeschränktes Lob auch für Tom in seinem ersten Turnier dieses Anspruchsniveaus. Hier mit 50% zu bestehen, ist eine tolle Leistung. Auch schachlich gab es viele gute Ansätze zu beobachten.

Duc Anh, Julian, Severin und Brian erfüllten rein punktemäßig etwa die Erwartungen. Bei Brian (Foto ganz rechts) konnte man sich nach dem guten Start sogar etwas mehr vorstellen. Vor allem seine Zeiteinteilung passte noch nicht ganz zu diesem Turnier.
Bei all diesen Spielern wechselten sich gute Partien und unnötige Fehler ab, wobei am Ende die Mehrzahl auf der falschen Seite der Waage lag. In Erinnerung bleibt vor allem Severins Glanzpartie aus der Auftaktrunde – und die Frage, warum dieses Niveau in der Folge nicht annähernd zu halten war. (Severin auf dem linken der beiden Fotos)

Tja – und dann bleibt eben noch die Frage nach der Bilanz gegen das "schwache Geschlecht". Mit dem letzten Tag ist sie sogar auf 2½:5½ gesunken. Aber diese Frage können wohl nur unsere Jungs selbst beantworten…


Bericht und Fotos: Thomas Binder