Jugend-Winter-Open 2015

1. Tag

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Die sechs Herderschach-Recken aus unserem Partnerverein Schachfreunde Siemensstadt sind in der oberen Hälfte der Startliste zu finden und wurden in der 1. Runde dieser Rolle auch souverän gerecht. Brian war mehr als doppelt so alt wie sein Gegner. Der wehrte sich tapfer und hielt die Partie lange mit nur einem Minusbauern offen.
Am ehesten musste man noch bei Alec bangen. Er hatte früh eine Figur verloren. Doch dann zeigte er, dass er bei bestimmten taktischen Motiven im Training gut aufgepasst hat. Zunächst wurde schulbuchmäßig ein vorwitziger Läufer auf a2 eingesperrt. Dann ließ der Gegner das Dauerschach mit beiden Türmen auf der vorletzten Reihe – Stichwort "Blinde Schweine" – aus. Mit einem weiteren bekannten taktischen Motiv eroberte schließlich Alec einen Turm und den ganzen Punkt.

Ernüchterung dann am Nachmittag: Nur Arman (Foto rechts) gelang ein voller Punkt. Seine Gegnerin spielte ein Evans-Gambit, setzte nach den Standard-Eröffnungszügen aber nicht auf Königsangriff. Das konnte nicht gutgehen.
Bei Pablo stand ein halber Punkt auf der Habenseite. Blickt man auf die Wertzahlen, sieht das enttäuschend aus. Doch die Schwester von Armans Gegnerin spielte einen ungleich stärkeren Angriff und so wirkt selbst dieses Remis noch wie ein Lottogewinn.

Die Niederlagen von Brian, Julian und Firat gegen die Nummern 2, 3 und 4 der Setzliste versetzen unseren Hoffnungen hingegen einen kleinen Dämpfer. Alle drei kamen gut aus der Eröffnung, wurden aber nach mehr oder weniger schweren Schnitzern noch deutlich aus der Bahn geworfen. Brian schildert es wohl treffend, wenn er zu seiner Partie schreibt: "… im Endspiel waren die Ideen auch die richtigen, jedoch etwas voreilig ausgespielt."
Alec hatte sich mit zwei gesunden Mehrbauern eine klare Gewinnstellung verdient, übersah aber leider eine einzügige Mattdrohung.

Für die sechs Siemensstädter Herderschach-Spieler passt dieses Turnier genau in die gegenwärtige Leistungsentwicklung. Darüber hinaus startet hier Adrian aus unserer Einsteiger-Trainingsgruppe. Sein Verein hat das Niveau des Winter-Opens wohl etwas anders eingeschätzt. So wäre es für ihn schwer geworden, ein ermutigendes Ergebnis zu erzielen. Nach zwei Niederlagen am ersten Tag stieg Adrian aus dem Wettkampf aus.

2. Tag

Bild Bild Das war wieder mal einer der großen Tage in der Herderschach-Geschichte! Bleibt nur zu hoffen, dass sich unsere Spieler die hervorragenden Positionen nach 4 Runden im verbleibenden Turnier nicht wieder zunichte machen. Das ist in der Vergangenheit schon (zu) oft passiert, diesmal hat der Beobachter aber ein sehr gutes Gefühl. Selten habe ich unsere Vertreter so konzentriert und besonnen gesehen wie heute. 11 Punkte aus 12 Partien sind der verdiente Lohn. Auf "6 aus 6" am Morgen folgten am Nachmittag noch einmal 5 Zähler, obwohl hier an 5 Brettern die Gegner deutliche DWZ-Vorteile hatten.

Allen vorweg steuert Arman eine Spitzenposition an – vielleicht sogar den Gesamtsieg? Heute gewann er mit routiniertem Auftritt gegen die Nummern 1 und 3 der Setzliste. Als einziger Spieler mit 100% geht er in die zweite Turnierhälfte. Am Nachmittag gewann er sogar ein Endspiel mit ungleichen Läufern. Weil es dem Gegner nicht gelang, den König in die Verteidigung einzubinden, musste dieser schließlich den Läufer geben. Danach entschied ein schönes Zugzwangmotiv die Partie.

Pablo liegt mit 3½ Punkten in der ersten Verfolgergruppe. Nach einem kampflosen Sieg am Morgen entschädigte eine schöne Kombination am Nachmittag – immerhin gegen die Nr. 2 der Rangliste – für die lange Wartezeit. Dass ein Schach mit gleichzeitigem Abzugsangriff auf die Dame eine Partie entscheidet, sieht man ja recht oft. In Pablos Partie wurden aber nach einem Bauernopfer gleich zwei Figuren mit Schach aus der Linie geräumt.

Brian (Foto rechts) überzeugte in seiner gewohnten Art mit ruhigem Spiel und geduldiger Verwertung kleiner Vorteile. Dass dies am Nachmittag auch gegen die – ich wiederhole mich gerne – Nummer 1 der Setzliste gelang, bringt ihn weit nach vorn. Firat (Foto links) geriet in der zweiten Partie des Tages erheblich unter Druck, gewann dann aber die Dame.

Für Alec gab es gleich doppelte Wiedersehensfreude mit Gegnerinnen, die er schon vom Sommer-Open kennt. Die Erinnerung an seinen damaligen Turniersieg beflügelte ihn beim erneuten Aufeinandertreffen zu zwei sicheren Siegen.
Die einzige Niederlage des Tages steht bei Julian zu Buche. Aber auch hier relativiert der Blick auf die Setzliste etwaige Enttäuschung. Etwas ärgerlicher war es schon, dass er in der Drittrundenpartie mindestens 5 Züge lang ein spektakuläres Matt per Turmopfer ausließ und die Partie statt dessen "prosaisch" gewann.

3. Tag

Bild Der Weg ist frei – für Pablo (Foto rechts). Mit zwei Siegen übernahm er heute die alleinige Tabellenführung. Am Morgen erlaubte er sich im Nordischen Gambit das Durchschlagen bis b2. Der weiße Königsangriff kam jedoch nicht so ganz ins Rollen und so konnte Pablo seine Stellung konsolidieren und schließlich das Heft des Handelns übernehmen.
Am Nachmittag gab es dann als eines der Highlights des Turniers das Duell zwischen unseren beiden Top-Spielern am Spitzenbrett. Mit einem starken kombinatorischen Schlag eroberte Pablo einen Bauern. Dann erhöhte er den Druck auf die Königsstellung und konnte mit einem Einschlag auf f7 entscheidend Material – zwei Türme gegen zwei Läufer – gewinnen.

Trotz dieser Niederlage winkt für Arman noch immer ein Platz auf dem Treppchen. Er hatte sich am Morgen in schwieriger Stellung von einem der ganz starken jüngeren Spieler remis getrennt.
In Lauerstellung hofft auch Firat noch auf einen Pokal in der Wertung "unter DWZ 1000". Er trennte sich zunächst von der sächsischen U10-Meisterin des Vorjahres remis und gewann dann das unvermeidliche interne Duell gegen Alec.

Brian liegt weiter gut im Rennen, auch wenn heute kein Sieg gelang. Am Vormittag rechnete er beim Tausch der Dame gegen zwei Türme nicht genau genug, sonst wäre da schon deutlicher Vorteil möglich gewesen. Dann erwies sich ein Läuferopfer als zu optimistisch. Der Gegner verteidigte sich aufmerksam und gewann schließlich. Das Remis am Nachmittag gegen einen Spieler, der bisher deutlich unter seinen Möglichkeiten geblieben war, hält ihn aber im Rennen.

Alec war nach starkem zweiten Tag an Brett 3 angekommen. Dort hingen die Trauben noch zu hoch. Am Nachmittag musste er sich dann der undankbaren Aufgabe gegen einen eigenen Teamkameraden stellen. Auch Julian muss morgen noch einmal angreifen. Heute gab es zunächst ein achtbares Remis, dann aber eine unerklärlich schnelle Niederlage.

7. Runde

Bild Der Weg war (fast) frei – aber am Ende stand Pablo ein 11jähriges Mädchen im Weg. Amina Fock spielte ein ganz starkes Turnier, blieb ungeschlagen und nutzte heute Pablos kleine Ungenauigkeiten mit konzentriertem Spiel souverän aus. Sie ist eine verdiente Turniersiegerin. Für Pablo bleibt immerhin noch ein Podestplatz. Schade, dass der Sprung nach ganz oben doch nicht gelang.

Unmittelbar dahinter rangiert Arman. Er spielte heute eine besonnene Angriffspartie gegen eines der temperamentvollen Talente des Berliner Kinderschachs. Heute hat noch einmal die größere persönliche Reife den Ausschlag gegeben. Sehr sehenswert nutzte Arman den Entwicklungsrückstand seines Gegners am Damenflügel aus und brachte den hilflosen König zur Strecke.

Im Schatten der Spitzenbretter lieferten sich Firat und Brian ein Fernduell um den Sieg in der Rating-Kategorie "unter DWZ 1000". Der einzige Spieler, der ihnen hier noch Platz 1 oder 2 streitig machen konnte, hatte erwartungsgemäß schnell verloren. Schließlich wurde für Firat am dritten Brett die Luft zu dünn. Er unterlag nach spannender Partie einem älteren Spieler. Brian hingegen blieb bis zum Schluss konzentriert und gewann gegen einen um 200 Punkte höher eingestuften Gegner. Damit konnte er Firat in dieser Sonderwertung noch abfangen.

Gelungener Turnierausklang für Alec (Foto rechts): Mit einem weiteren überlegen herausgespielten Sieg schiebt er sich noch ins obere Tabellendrittel.

Fazit

Unsere Erfolgsserie bei den Jahreszeiten-Opens hat gehalten. Drei Pokale gehen an das Haus Herderschach. Fünf von sechs Spielern landen im ersten Drittel der Tabelle. Die Plätze 2 und 4 von Pablo und Arman mögen nach dem Turnierverlauf ernüchternd erscheinen. Blickt man auf die Setzliste (Positionen 10 bzw. 8), sind es immer noch deutliche Verbesserungen. Das wird sich auch in der DWZ-Bilanz niederschlagen.
Pablo springt erstmals bei einem großen externen Turnier auf das Siegertreppchen. Seine aktuell gute Form ist sicher auch das Ergebnis der ständigen Bereitschaft, alle Trainings- und Wettkampfangebote anzunehmen. Die regelmäßigen Einsätze in der BMM haben ihn erheblich voran gebracht.
Arman spielte innerhalb unseres Teams vielleicht das beste Schach. Der Stolperer kam – wie schon im Herbst – ausgerechnet im internen Duell gegen seinen Freund Pablo. Es ist wie im Fußball, wo die Lokalderbys ihren eigenen Charakter haben…

Unser zweites Erfolgsduo bilden Brian und Firat mit den Spitzenplätzen in der unteren Wertungs-Kategorie und sehr deutlichen Verbesserungen gegenüber der Papierform. Beide werden den ersten DWZ-Tausender jetzt überspringen und hoffentlich für immer hinter sich lassen.
Firat brillierte immer dann, wenn Feuer auf dem Brett war. Brian hingegen spielte gewohnt ruhig und mit langfristig angelegten Plänen. Dabei fehlt ihm manchmal noch die Übersicht in taktisch verwickelten Spielphasen.

Auch Alec darf auf sein Ergebnis stolz sein. Dass seine DWZ vielleicht eine kleine Schramme bekommt, spielt überhaupt keine Rolle. Letztlich ist das nur einer einzigen Partie – dem internen Duell mit Firat – geschuldet. Die Platzierung entspricht fast genau der Setzliste. Er hat in vielen Partien sein beachtliches Potential gezeigt. Mit wachsender Turniererfahrung wird es für ihn immer weiter voran gehen. In Sachen Konzentration und Sachlichkeit ist er vielen gleichaltrigen Spielern weit voraus.

Warum Julian ab Mitte des Turniers einfach gar nichts mehr gelingen wollte, wird er sich selbst fragen – und hoffentlich eine Antwort finden. Am schachlichen Können hat es gewiss nicht gelegen. Julian hat schon oft bewiesen, was er drauf hat. Mit 100%iger Konzentration findet er sicher bald wieder seine Normalform.


Bericht und Fotos: Thomas Binder