Bild Die Herderschach-Erfolgsgeschichte ist um ein weiteres Kapitel reicher. Wie im Vorjahr holten wir in überzeugender Manier die Silbermedaille der Deutschen WK-IV-Meisterschaft. Mit herausragenden 16:2 Mannschafts- und 27½:8½ Brettpunkten ist dieser Erfolg mehr als verdient. Zuallererst steht an dieser Stelle der Glückwunsch an den sympathischen Deutschen Meister aus Halle. Ich denke, schachlich waren beide Mannschaften etwa gleichwertig. Im direkten Duell hatten uns die Hallenser ein Stück mehr Cleverness voraus. Sie setzten uns eine Stunde lang nicht nur auf dem Schachbrett, sondern auch mit der Schachuhr unter Druck. Ihre spielerische Klasse war so groß, dass dies kein Risiko darstellte und letztlich bei uns die entscheidenden Ungenauigkeiten in Zeitnot provozierte.

Bild Der Blick auf die Tabelle zeigt, dass Platz 2 hoch verdient ist. Vom Dritten trennen uns 2 Mannschafts- und 5 Brettpunkte. Dabei haben wir durchweg gegen die Spitzenteams gespielt. Unser "schwächster" Gegner kommt am Ende auf Platz 13 ins Ziel. Nur mit dem Siebenten, dem Zehnten – Glückwunsch an den zweiten Berliner Vertreter für einen ganz starken Auftritt – und dem Zwölften kreuzten wir nicht die Klingen. Es gab bei den acht gewonnenen Wettkämpfen praktisch keinen Wackler. Nur Hamburg konnte zeitweise realistisch von einem Punktgewinn träumen. Kritisierten die Betreuer am ersten Tag noch die eine oder andere Partie, steigerte sich unser Team dann auch in Sachen Konzentration und Zielstrebigkeit erheblich.

Doch blicken wir nun auf jeden Spieler in einem Team ohne Schwachpunkt:

Bild Brett 1: Kevin Roho (7½ aus 9)

Ein Spitzenbrett wie man es braucht! Kevin zeigte eine ganz reife Leistung, blieb ungeschlagen und spielte schachlich brillant. Vor allem in der ersten Turnierhälfte waren seine Endspiele eine Augenweide. Hatten sich die Gegner bis dahin noch halten können, wurden in der letzten Partiephase dann die kleinen Vorteile in volle Punkte umgesetzt. Beeindruckend war für die Beobachter Kevins mannschaftsdienliche Spielweise. In den beiden wichtigen Duellen gegen Hamburg und Gelnhausen schaltete er quasi automatisch auf Sicherheit um, als klar war, dass wir an seinem Brett ein Remis brauchen. Das können nur richtig gute Schachspieler.

Bild Brett 2: Daniel Sulayev (5½ aus 8)

Wo Daniel spielt, gibt es spektakuläres Schach zu sehen. Nicht von Ungefähr stehen zwei sehenswerte Stellungsbilder auf unserer Turnierseite. OK – das bringt es mit sich, dass er für die eine oder andere taktische Überraschung anfällig ist. Mit wachsender Ruhe und Konzentration und noch genauerem Blick auf die Möglichkeiten des Gegners wird er an dieser "Schwäche" arbeiten. In Bad Homburg hat die Form gestimmt und erwies sich Daniel als enorm wichtige Stütze des Teams.

Bild Brett 3: Minh Tham (5½ aus 8)

Minh ist unser ruhigster Spieler. Das war wohl ein Grund, ihn bei der Deutschen Meisterschaft zum Kapitän zu machen. Er hat diese Aufgabe sehr gut erfüllt. In den ersten Runden knüpfte Minh nahtlos an die zuletzt gezeigten Leistungen an. Als dann am Samstag zwei Partien verloren gingen, wechselte er sich quasi selbst aus – alle Achtung! Tags darauf war die vorübergehende Schwächephase wieder vergessen, und es waren Minhs Siege, die uns zum Vizemeister machten.

Bild Brett 4: Hakob Kostanyan (5 aus 7)

Hakob hatte zuletzt in einem anspruchsvollen Turnier sein Können nicht ausgeschöpft. Auch in Bad Homburg startete er mit einer Niederlage. Sollte er zum "Wackelkandidaten" werden? Nein – Hakob baute sich ganz schnell wieder auf und eilte in der Folge von Sieg zu Sieg. Sein Matt "out of the blue" entschied das ganz wichtige Duell um einen Medaillenplatz gegen Hamburg für uns. Wenn unser Spieler sich von nichts ablenken ließ, war sein Spiel um Klassen besser als zuletzt. Das muss jetzt immer gelingen!

Bild Einwechsler: Lior Sklarski (4 aus 4)

Oft haben wir in der Vergangenheit beklagt, dass unsere DSSM-Ersatzspieler die einmalige Chance nicht nutzten. Oft war der Druck "von der Bank" zu gering, um einen schwächelnden Stammspieler aus dem Team zu verdrängen. Diesmal war alles anders: Wir hatten keinen schwächelnden Stammspieler, aber wir konnten unseren Reservisten dennoch viermal zum Einsatz bringen, ohne dass damit ein Risiko verbunden war. Wir hatten noch nie einen solch starken Ersatzmann im Team!
Lior gebührt hier auch das abschließende Zitat. Der Trainer konnte das Geschehen an Brett 4 nicht so richtig erkennen – einer der ganz wenigen Schwachpunkte in Bad Homburg – und hatte den Eindruck, Liors Gegner werde eine Figur gewinnen. Als ich Lior nach der Partie darauf ansprach, antwortete er "Das war ganz kompliziert, da musste man ganz weit rechnen." Soweit hatte ich dann wohl doch nicht gerechnet…

Dank an Trainer, Betreuer und Sponsoren

An dieser Stelle geht ein herzlicher Dank an alle, die unsere Spieler so weit voran gebracht haben. Dazu gehören die "Heimtrainer" der Vereine SC Weisse Dame, Schachpinguine und TuS Makkabi. Das bewährte Herderschach-Betreuerteam hatte im Vorfeld viel für die Organisation der Reise zu tun. Vor Ort mussten dann fünf – mehr oder weniger – Energiebündel gebändigt und die Abläufe organisiert werden. Da hätte man sich von den Jungs manchmal etwas mehr Selbständigkeit und etwas besseres Zuhören gewünscht. Hinzu kam die Vorbereitung auf die Partien und die Berichterstattung im Internet für unsere zahlreichen Fans. Und auch beim Ein- und Auswechseln bewiesen die Betreuer diesmal geradezu ein "goldenes Händchen".
Und noch ein Dank ist uns wichtig: Unser Partnerverein, die Schachfreunde Siemensstadt, und der Förderverein des Herder-Gymnasiums unterstützten uns erneut großzügig finanziell. Ich denke, wenn als "Gegenwert" eine DSSM-Medaille kommt, ist ihr Engagement gut angelegt…

Wer hat an der Uhr gedreht?

Bei aller Vorfreude auf die Deutsche Meisterschaft gab es diesmal einen Aspekt, der uns verärgerte: Die Deutsche Schachjugend hat beschlossen, dass die WK-IV künftig ihren Meister nur noch in Schnellpartien mit 30 Minuten Bedenkzeit ermittelt. Dafür werden neun Runden im Schweizer System gespielt. Anfang März gefasst, wurde dieser Beschluss schon jetzt wirksam. Die Ausschreibung des diesjährigen Turniers hatte ihn merkwürdigerweise sogar vorweg genommen.
Auf der Jugendversammlung gab es noch einige andere Anträge zum Schulschach, die man nur als wirr und realitätsfern bezeichnen konnte. Diese wurden zum Glück abgelehnt.

Bild Die Verkürzung der Bedenkzeit wird dem schon beachtlichen Spielniveau in der WK-IV und dem Rang einer Deutschen Meisterschaft nicht gerecht. Sie führte zu vielen Zeitnotschlachten, die hier und da sicher auch ein schachlich widersinniges Ergebnis hatten. Schließlich spielten wir insgesamt sogar weniger Schach: Bisher waren es "brutto" 14 Stunden, jetzt nur noch 9.

Bei gut 30 Mannschaften genügen auch sieben Runden, um die Medaillengewinner zu ermitteln – so gut das eben überhaupt im Schweizer System funktioniert. Schon das vorjährige Turnier der gleichen Wettkampfklasse an gleichem Ort lieferte dafür eigentlich genug Argumente. Dort setzten sich die vier zweifellos besten Mannschaften an die Tabellenspitze. Von den 6 möglichen Duellen dieses Quartetts hatten immerhin 5 Spiele stattgefunden – und das sogar bereits in den ersten 6 Runden!
Die diesjährige Meisterschaft setzt dem nun noch die Krone auf: Bis Platz 8 sind die Tabellen nach 7 und 9 Runden fast identisch. Nur die Mannschaften auf Platz 6 und 7 haben die Ränge getauscht.

Nun sind Ideen gefragt, wie man wieder zu einer Bedenkzeit kommt, die dem schachlichen Niveau der hier vertretenen Spieler gerecht wird. Die Deutsche Schachjugend hat ein Jahr Zeit, es besser zu machen.
Apropos "Deutsche Schachjugend": Während des gesamten Turniers und auch noch einige Stunden danach veröffentlichte deren Homepage eine falsche Turniertabelle und feierte den falschen Meister. Auch nach mehreren Tagen widersprechen sich die Tabellen in kleineren Details. Professionalität sieht anders aus – genau genommen so, wie es die hessischen Organisatoren seit Jahren vormachen!


Text und Bilder: Thomas Binder (Teamfotos vom Ausrichter)