Abrafaxe-Turnier 2016

Bild Für Herderschach.de standen uns die "Abrafaxe-Macher" Thomas Neumann und Olaf Sill zu einem Interview zur Verfügung. Vielen Dank, dass das in der heißen Turnierphase so kurzfristig geklappt hat!

Herderschach.de: Wir sind seit 2005 regelmäßig und sehr gern bei eurem Turnier dabei. Damals trafen wir schon auf ein etabliertes und gut organisiertes Turnier. Könnt ihr kurz über die Anfangsgründe des Abrafaxe-Turniers erzählen? Wie kam es zu der Idee, und wie ging alles los?
Thomas Neumann: Das Abrafaxe-Kinderschachturnier haben wir erstmals 1995 ausgerichtet. Unser damaliger Trainer Markus Spindler wollte ein Turnier organisieren, das für Anfänger besonders gut geeignet ist und uns dabei gleichzeitig beibringen wie man gute Schachturniere organisiert.
Dank Markus entwickelte sich auch die Beziehung zur Comiczeitschrift "Mosaik", die bei vielen Turnieren als Sponsor auftrat. Beim Abrafaxe-Turnier überließ mir Markus im ersten Turnier bereits den Großteil der Leitung, jedoch hatte er noch den Hut auf. Er brachte mir aber alles soweit bei, dass er ab dem zweiten Turnier nur noch aus dem Hintergrund überwachte und mir, mit gerade einmal 16 Jahren, die Turnierorganisation komplett überließ. Ab dem dritten Turnier war er dann leider nicht mehr dabei, da er aus Berlin wegzog.
Zum Anfang war das Abrafaxe-Turnier noch ein ganz normales Kinderschachturnier mit ca. 60 Teilnehmern und der Besonderheit, dass jedes Kind einen Preis bekam. Das Turnier kam so gut an, dass schon beim dritten Turnier über 150 Teilnehmer vor der Tür standen und wir mir diesen Teilnehmermengen vollkommen überfordert waren: Wir hatten nicht genügend Verpflegung, Bretter, Preise und die Anmeldung dauerte ewig … aber selbst dieses Turnier haben wir irgendwie gedeichselt.

Olaf Sill: Ich selbst habe leider nie beim Abrafaxe-Turnier mitspielen können, weil ich erst sehr spät die Regeln gelernt habe und dann einfach zu alt war. Aber Thomas hatte mich irgendwann als Helfer eingespannt: erst Helfer am Verpflegungsstand, dann Chef am Verpflegungsstand, dann hatte ich irgendwann Auto, Führerschein und TL-Lizenz und habe die Anmeldungen und etwas vom Organisatorischen im Vorfeld übernommen. … Aber Thomas sorgt erst dafür, dass das Abrafaxe-Turnier etwas Besonderes ist, etwas anderes als die anderen Turniere in Berlin. Ich organisiere hier nur ein Schachturnier – er IST das Abrafaxe-Turnier.

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Herderschach.de: Dann muss man natürlich auch die Geschichte des ungewöhnlichen Namens etwas aufdröseln…
Thomas Neumann: Alle, die die beste, lustigste und lehrreichste Comiczeitschrift Deutschlands kennen, wissen natürlich sofort woher der Name kommt. Für alle anderen: Die Hauptfiguren der Comiczeitschrift "Mosaik" sind eben die Abrafaxe. Diese reisen durch verschiedene Länder und Zeiten und erleben dort interessante Abenteuer. Nebenbei lernt man auf unterhaltsame Art viel Wissenswertes über Geschichte, Physik, Chemie usw. Ihr merkt ich bin vom Mosaik begeistert. Ich selbst bin seit über 30 Jahren treuer Leser und auch meine Kinder haben das Mosaik schon gerne.
Unsere Gruppen haben wir übrigens auch nach den Abrafaxen benannt: Abrax ist der große blonde Abenteurer der drei. Bei uns heißt so die älteste Gruppe. Brabax ist der kluge Rotschopf. Califax ist der leicht dicke und äußerst liebenswerte Genießer, bei uns die dritte Gruppe. Die Ratte ist Califax' tierische Freundin. Das Eichhörnchen kommt immer mal wieder in den Heften vor, bei uns heißt so die jüngste Gruppe.

Herderschach.de: Wo positioniert ihr die Abrafaxe in der ja recht reichhaltigen Turnierszene für Kinder in Berlin?
Bild Thomas Neumann: Ich denke, das Abrafaxe-Kinderschachturnier ist einzigartig. Wir sind kein reines Anfängerturnier, und doch spielen viele Kinder bei uns ihr erstes Schachturnier. Wir sind keine Berliner Meisterschaft, und doch kommen zu uns auch sehr viele starke Spieler. Dabei schafft schon die Größe des Turniers allein für alle Teilnehmer eine einzigartige Atmosphäre. Dazu kommt die Verpflegung und natürlich am Ende die Preise.

Olaf Sill: Es ist für viele das Einsteigerturnier. Ich könnte mich mal durch die Berliner Jugendmeister der letzten 10 Jahre klicken und diejenigen raussuchen, die nie das Abrafaxe-Turnier gespielt haben. Die Liste wird kurz sein. Wir haben einige Spieler, die spielen nur ein Turnier im Jahr – und zwar das Abrafaxe-Turnier. Das machen sie, bis sie rauswachsen. Andere Spieler kommen jedes Jahr aus den entferntesten Regionen Deutschlands und der Welt, um mitzuspielen. Es ist also nicht nur ein Anfänger- und Einsteigerturnier, sondern hat auch etwas ganz Besonderes.
Auf der Basis des Abrafaxe-Turniers haben wir einige Turniere in Berlin etablieren können: z.B. die Jahreszeitenturniere oder die ABC-Turniere. Auch das sind Anfänger- und Einsteigerturniere für Jugendliche bis ca. u14. Aber sie bringen leider nicht den Charme des Abrafaxe-Turniers mit. Ich bitte das zu verstehen: Das Abrafaxe-Turnier macht im Vorfeld eine ungeheure Menge an Arbeit, die Thomas Neumann bereit ist zu leisten. Auch ich habe hier doppelt so viel im Vorfeld zu tun wie z.B. für eine Vorrunde, die über 4 Tage geht. Jedes Turnier in Berlin derart auszurichten wäre nicht möglich.

Herderschach.de: Wie bei keinem anderen Turnier gelingt es euch, "Klasse" und "Masse" unter einen Hut zu bringen. Was ist das Geheimnis dieser Konstellation?
Thomas Neumann: Vielleicht liegt es daran, dass bei uns gerade nicht die „Klasse“ im Mittelpunkt steht. Wir freuen uns einfach über jeden, der Spaß an diesem Schachturnier hat.
Die „Masse" unter einen Hut zu bekommen ist hingegen eine Wissenschaft für sich. Auch wenn man es nicht merkt – aber wir arbeiten da an sehr vielen Punkten am Limit:

Olaf Sill: Tja, das liegt wohl an den Trainern und den Spielern selbst. Die Trainer wissen, dass auch der Letztplatzierte hier noch einen Preis bekommt und am Ende nicht traurig zu sein braucht. Damit melden sie viele Einsteiger an. Und genau das ist auch – wenn ich Thomas richtig verstanden habe – das Ziel dieses Turniers.
Die "Klasse" hingegen kommt, weil sie hier ihre ersten Schritte gemacht hat und das Turnier meist mit positiven Erlebnissen verbindet. Da kommt man gerne wieder. Es ist ein schönes Schachturnier, dauert nur einen Tag, man wird versorgt, und während der Pausen kann man das gute Wetter draußen nutzen. Das sorgt dafür, dass wir regelmäßg amtierende Berliner Meister, Teilnehmer der Deutschen Meisterschaften und Anfänger in derselben Gruppe zu sitzen haben.
Außerdem kommt wohl die familiäre Atmosphäre zum Tragen. Der BSV ist ja ein eher kleiner Verband und trotz aller unterschiedlicher Meinungen ziehen wir am selben Strang und kommen miteinander klar. Und beim Abrafaxe-Turnier ist die Platzierung dann auch nicht ganz so wichtig – damit sind hier immer alle etwas lockerer und weniger angespannt. Aber genau das wiederum überträgt sich auf Spieler und Eltern, die neu dabei sind und somit beim nächsten Turnier wiederkommen.

Bild Herderschach.de: Wenn man am Sonnabend bei euch zu Gast ist, spürt man, dass da ein großes Team am Wirken ist, bei dem jedes Rädchen zum anderen passt. Wie viele Leute sind in Vorbereitung und Durchführung des Turniers eingebunden? Gibt es Leute, die ihr da besonders hervorheben möchtet, auch wenn sie vielleicht für den Teilnehmer am Turniertag gar nicht so in Erscheinung treten?
Thomas Neumann: Meine größte Unterstützung in der Vorbereitung des Turniers sind Olaf Sill und meine Familie. Olaf, weil er die gesamte Anmeldung übernimmt, einige Sponsoren anschreibt und viele potentielle Helfer anspricht. Ich kümmere mich um die übrigen Vorbereitungsaufgaben. Hierzu gehört die Kalkulation des Turniers (damit es keine Verluste für den Verein durch das Turnier gibt), die Bestellung der Tassen, Gläser, Beutel, Müslischalen, Kontakt mit "Mosaik", Organisation und Sortierung der übrigen Preise, Einkauf und Transport der Verpflegung und vieles mehr.
Das alles kostet viel Zeit und ist alleine kaum zu bewältigen. Meine Familie ist mir dabei jedoch eine riesige Stütze, angefangen von meiner Mutter, ohne die wir vermutlich gar nicht in der Mildred-Harnack-Schule wären und die mir insbesondere bei der Preissortieraktion hilft, über meinen Vater der mich beim Transport unterstützt und sich um die Betreuung meiner beiden kleinen Töchter kümmert, bis hin zu meiner Frau, die mir wo sie kann zur Seite steht und das Turnier mit allen Kräften unterstützt.
Für die meisten anderen Helfer geht es dann erst am Tag vor dem Turnier mit dem Aufbau (5 bis 10 Helfer) und am eigentlichen Turniertag los (ca. 25 Helfer) ab 7 Uhr früh. Hier sind alle gleichermaßen erwähnenswert. Ich möchte jedoch stellvertretend für alle Helfer vor Ort Matthias Bandlow erwähnen, da er neben mir vermutlich der einzige Helfer ist, der bei allen bisherigen 20 Abrafaxe-Kinderschachturnieren mitgeholfen hat.
Zum Schluss muss man von den Leuten im Hintergrund besonders noch unseren Schatzmeister Jörg Döhr erwähnen, der nach dem Turnier noch viel Arbeit mit der Abrechnung hat.

Olaf Sill: Thomas und ich fangen meist Anfang des Jahres an zu werkeln und bis ca. zwei Wochen vor dem Turnier habe ich die Hauptarbeit durch die Bearbeitung der Anmeldungen, während Thomas und ich die Preise zusammentragen. Dann ändert sich alles schlagartig: Es ist Anmeldeschluss, ich bin bei der DEM und damit eine Woche weg, und Thomas geht in die Vorbereitung der Verpflegungsstände und Teilnehmerpreise. Ich glaube, seit Jahren schafft er all das nur mit Hilfe seiner Familie. Mama und Papa Neumann helfen nicht nur am Turniertag und ein/zwei Tage davor und danach fleißig mit. Die Familie Neumann ist wohl das ganze Jahr in einem gewissen Abrafaxe-Modus, der sie immer nach Preisen oder Ideen suchen lässt. Das Material für 300 Kinder ist im Haus von Familie Neumann gelagert usw.…
Das Abrafaxe-Turnier ist Thomas Neumann. Und hinter einem erfolgreichen Turnierleiter steht eine engagierte Familie – ist ja bei mir auch so. In den letzten Jahren hat sich Thomas' Familie übrigens vergrößert, und ich bin froh, dass die älteste der drei Damen auch bereit ist, unsere ganzen Schachturniereskapaden mitzumachen. Seine beiden kleinen Töchter hingegen müssen erstmal versuchen, die Figuren richtig zu setzen, und werden dann hoffentlich in 10 Jahren anfangen, den Papa abzulösen.
Bild Bild Am Turniertag selbst haben wir jedes Jahr eine große Anzahl an Helfern vor Ort. Viele Borussen und Bau-Unioner sind dabei, aber auch viele Spieler aus anderen Vereinen. Fast immer dabei waren wohl Anita und Jan Neldner. Micha Amboß ist eigentlich immer dabei gewesen, seit ich ihn kenne. Kann ich überhaupt noch ein Turnier ohne ihn ausrichten? Felix Nötzel, Matthias Bandlow, Anna-Louise Müller, Ulli Fitzke, Carsten Scheike – alles Namen von Borussen oder Bau-Unionern, die fast immer dabei waren. Felix und Anna haben damals vom Spieler- direkt ins Helferlager gewechselt. Und obwohl er als FIDE-Arbiter inzwischen ein hohes Schiedsrichtertier ist, lässt es sich Landesspielleiter Andreas Rehfeldt nicht nehmen, jedes Jahr die A-Gruppe zu leiten. Aber das macht er bestimmt, weil da seine Chemiker häufiger mal vorne mitspielen.
Wir haben eine Mutter von Spielern, die schon längst nicht mehr im Verein sind. Die Spieler und ihre Mutter kommen aber noch fast jedes Jahr, um mitzuhelfen.
Na hoffentlich hab ich jetzt niemanden vergessen, der dann böse auf mich ist. Alles in allem sind wir jedes Jahr mit ca. 25 Helfern dabei. Wer übrigens Interesse hat, selbst mal mitzuhelfen: immer her damit, wir können jede Hand gebrauchen.

Bild Herderschach.de: Im Berliner Schach wird immer wieder der Mangel an Sponsoren beklagt. Wenn ich auf die liebevoll gefüllten Preistische bei euch schaue, scheint das kein Problem zu sein…
Olaf Sill: Das liegt wohl daran, was man will. Wir wollen eine Kiste mit kleinen Preisen für Kinder haben. Damit hat keine Firma ein Problem, da die meisten dafür eigene Budgets und damit diese Dinge sowieso vorrätig haben. Meist sind diese Firmen ja auch bei anderen Gelegenheiten in der Öffentlichkeit unterwegs (z.B. Kinder-, Kiez-, Familien- oder Sportfeste) und geben diese Kleinigkeiten ("give aways") aus. Es ist also relativ leicht, an diese Preise zu kommen, allerdings sehr mühselig, wenn man die Menge in Betracht zieht. Wir brauchen ja nicht einen Karton, sondern 20. Da hat man schon zu tun.
Allerdings kann ich dir ein Stück weit zustimmen: Wenn man sich kümmert und am Ball bleibt, dann kriegt man Einiges hin. Natürlich ist eine Kiste mit Kuscheltieren etwas anderes als 5.000 € für die Schachjugend Berlin. Aber auch der gute Herr Seppelt hat in den 80er und 90er Jahren Einiges an Mitteln akquirieren können. Wieso sollte das heutzutage nicht möglich sein? Man muss nur bereit sein, Zeit und Kraft zu investieren und Augen und Ohren offen halten.
Letztes Beispiel: Mein Verein richtete Ende April in Berlin die Deutschen Meisterschaften im Schulschach der Mädchen aus. Ohne finanzielle Förderung hätten wir das nicht geschafft. Es hat zwar einige Telefonate, E-Mails und persönliche Gespräche gekostet, aber am Ende hatten wir einen hohen vierstelligen Betrag für die Ausrichtung einer schönen Deutschen Meisterschaft. Es ist durchaus möglich, an Sponsoren zu kommen, nur stehen sie nicht vor der Tür, man muss erstmal Arbeit investieren um sie zu finden.

Bild Herderschach.de: Jetzt habt ihr noch 3 Wünsche frei – an die Teilnehmer bzw. ihre Trainer und Betreuer
Thomas Neumann: 1. Wenn euch das Mosaik-Heft gefällt, bestellt es bitte, damit die Zeitschrift und unser Turnier noch in vielen Jahren existieren. Übrigens: Das "Mosaik" freut sich auch immer über Leserbriefe, wie euch das Turnier gefallen hat.
2. Achtet bitte darauf, dass in der Schule nichts kaputt geht. Wir sind in der Schule nur zu Gast und wir wollen die Schule ja auch in den nächsten Jahren noch benutzen. Wenn doch mal etwas passieren sollte, gebt uns bitte Bescheid!
3. Wenn mal etwas schief geht, dann habt Nachsicht mit uns. Wir geben alle unser Bestes aber manchmal klappt nicht alles wie gewünscht. Wer Verbesserungsideen hat oder gerne einmal als Helfer dabei sein will, kann sich gerne bei uns melden.

Olaf Sill: 1. Liebe Spieler: Bitte nehmt es nicht persönlich oder als böse Absicht, wenn ihr nicht mehr in die Meldeliste gekommen seid. Wir haben eine maximale Teilnehmerzahl, und wenn die erreicht ist, dann geht halt nichts mehr rein. Und wenn danach Anmeldungen kommen, dann müssen wir die leider ablehnen.
2. Beim Abrafaxe-Turnier nehmen viele Spieler teil. Es könnte hektisch werden. Schiedsrichter könnten Fehler machen. Andere Trainer oder Eltern könnten Fehler machen. Spieler könnten Fehler machen, z.B. Figuren einstellen. Das passiert, und keiner macht Fehler absichtlich. Ich wünsche mir lauter besonnene Eltern, Trainer und Spieler.
3. Bitte bringt die Pfandflaschen zurück, denn die Differenz geht zu Lasten des Vereinskontos. Und wenn alles super läuft, dann habt ihr genau so viel Hunger, wie wir Brötchen haben.