Jugend-Winter-Open 2017

Das Winter-Open der Berliner Schachjugend wurde auch 2017 ein schönes Erlebnis für viele schachbegeisterte Kinder und Jugendliche. Das eingespielte Team der Organisatoren und Schiedsrichter agierte problem- und geräuschlos. Größter Aufreger blieb eine aus den Angeln geratene Tür…

Das Leistungsgefälle innerhalb des Turniers war allerdings recht groß. Das gilt für praktisch alle Aspekte des schachlichen Tuns, von der reinen Spielstärke über den Zeitverbrauch bis zum allgemeinen Auftreten. Vielleicht sollte man doch über eine weitere Teilung in Leistungsgruppen nachdenken.
Das "beschleunigte" Schweizer System jedenfalls erfüllte einmal mehr nicht die Erwartung, Ansetzungen mit großem Leistungsunterschied zu vermeiden. Sie werden nur von Runde 1 nach Runde 3 verschoben.

Das Haus Herderschach war angetreten, die bisherige Erfolgsserie fortzusetzen. Zur Erinnerung: In den letzten beiden Jahren holte Pablo Schlesselmann jeweils knapp und unglücklich geschlagen Silber. Davor gab es 2014 sogar schon einmal Gold für uns – durch Daniel Lewin.
Kleine Preisfrage zur Herderschach-Geschichte: Wer waren damals Daniels stärkste Konkurrenten?

Bild Platz 1: Daniel Lewin – Endlich wieder dabei – Endlich wieder ganz vorn

"Endlich wieder dabei" stand in der Mail, mit der mir Daniel seine Teilnahme am Winter-Open bestätigte. Dieser Satz lässt ahnen, dass sein Turniersieg zwei Dimensionen hat.
Da ist zum einen die rein schachliche Dimension. Das mag man als "im Rahmen der Erwartungen" abtun. Daniel gehörte als Nummer 3 der Setzliste zum Favoritenkreis. Die beiden vor ihm gesetzten Spieler fielen früh zurück. Schon ein halber Punkt weniger hätte DWZ-Verlust bedeutet. Ein normaler Favoritensieg also…
Es gibt aber auch eine emotionale Dimension. Daniel hat in den letzten anderthalb Jahren wenig Schach gespielt. Das hat verschiedene Gründe, darunter auch solche, bei denen unbeschwerte Freude am Turnierschach zwangsläufig in den Hintergrund treten musste. Wer also etwas näher an ihm dran ist, kann die Freude über das heutige Ergebnis noch ganz besonders teilen.

Bild Nun aber ans Schachbrett! In den ersten vier Runden ging es gegen durchweg deutlich schwächer gewertete Gegner. Das war eigentlich nicht die Herausforderung, die er gebraucht hätte, um in den richtigen Wettkampfmodus zu kommen. Auch war zu spüren, dass noch nicht ganz wieder die alte Form zurück ist. Vor allem in Runde 4 kam Daniel mit einem blauen Auge davon. Da saß er übrigens erstmals am Spitzenbrett, das er im Verlauf des Turnieres nicht mehr abgab.
Runde 5 brachte dann ein Remis gegen Oliver Ellert – Glückwunsch dem späteren Zweiten zu einem starken Turnier. Frühzeitig tauschte man sich in ein Schwerfigurenendspiel, bei dem keiner der Spieler ein größeres Risiko eingehen wollte.

Die größten Aufgaben warteten aber noch in Gestalt zweier junger Spielerinnen vom TuS Makkabi mit der bekannt gründlichen Ausbildung der russischen Schachschule. Beide spielten übrigens ein großartiges Turnier.
Gegen Asya Muradyan setzte Daniel auf einen ideenreichen Angriff am Königsflügel. Sehr lange fand Asya die besten Verteidigungszüge, und so dauerte es dreieinhalb Stunden, ehe Daniel schließlich den Sieg verbuchen konnte.

Am Dienstag erwartete uns ein echter Schlussrunden-Krimi gegen Anna Gutmann. Zum Ausgang der Eröffnung stand Daniel etwas besser. Im Bewusstsein, dass er einen Sieg braucht, entschied er sich nun für ein optisch ansprechendes Scheinopfer der Dame. Die Mega-Database zeigt, dass der Zug nicht neu ist. Sieben Vorgängerpartien dazu finden sich. Sie belegen aber auch, dass die Idee nicht so gut ist.
Anna fand nach langem Nachdenken eine Widerlegung. Dabei hatte sie sogar noch die komfortable Wahl zwischen "Figur für 3 Bauern" und "Qualität für zwei Bauern". Beide Abwicklungen lassen ihr leichten Vorteil, der vielleicht keinen Sieg garantiert, aber das wesentlich angenehmere Spiel.
Ironie der Geschichte: Während Anna lange über ihre Erwiderung nachdachte, endete die Partie an Brett 2 remis. Nun hätte Daniel schon ein halber Punkt zum Turniersieg genügt. Das bedeutete freilich auch, dass Anna aus eigener Kraft ganz nach oben kommen konnte.
Es kam, wie es kommen musste. Es genügten wenige Ungenauigkeiten, um aus der angenehmen Stellung von Weiß eine klare Gewinnstellung zu machen. Das werden aber beide Spieler vor Ort nicht so deutlich erkannt haben, wie es die gnadenlose Computeranalyse aufzeigt. Schließlich stellte Anna mit ihrem vorletzten Zug einen wichtigen Bauern ein, und die Partie wurde doch noch remis.

Auch wenn an mindestens zwei Stellen die Schachgöttin mithalf, ist Daniels Turniersieg verdient. Er spielte letztlich das stabilste Schach innerhalb der Spitzengruppe, blieb (wie auch Oliver) ungeschlagen und traf unter den praktischen Bedingungen des Wettkampfes eben die richtigen Entscheidungen.
Endlich wieder dabei – und jetzt bitte dabei bleiben!

Bild Platz 3: Hakob Kostanyan

Hakob ging mit hohem Anspruch in dieses Turnier: "Sieben aus Sieben" war das selbst gesetzte Ziel. Dieses Ziel war keineswegs unrealistisch. Ganz sicher hatte er mit seinem schachlichen Können und seiner riesigen Erfahrung alle Chancen auf den Turniersieg.
Was Hakob kann, wenn er mit voller Konzentration zur Sache geht, bekam schon in Runde 2 die später noch gewaltig auftrumpfende Anna zu spüren. Fast vier Stunden hatte man am Brett gesessen, ehe Hakob mit zwei schönen kombinatorischen Schlägen den Punkt unter Dach und Fach brachte.
Genau diese Konzentration fehlte dann am nächsten Morgen. Der Gegner brachte nicht einmal die Hälfte von Hakobs DWZ auf die Waage. Aber er stammt aus dem gleichen Verein, man kennt sich gut, man glaubt vielleicht an einen einfachen Sieg…
Der erste Blick des Beobachters aufs Brett offenbarte dann eine ganz andere Situation: Hakobs Königsstellung war aufgerissen, die gegnerischen Figuren standen bereit, ein Mattnetz auszulegen. Das ließ dann auch nicht lange auf sich warten, und der überraschende Sieg für Torben Dittmer war perfekt. Glückwunsch an Torben, den wir von vielen Turnieren kennen und dem dieses Erfolgserlebnis zu gönnen ist. In der nächsten Runde hätte er gegen den späteren Turniersieger fast noch eine weitere Rakete dieser Art gezündet, die Startrampe war schon aufgebaut.
Für Hakob begann damit eine Aufholjagd. Dass er sich dieser Aufgabe konzentriert widmete, ist anzuerkennen. Da hat man von "gestürzten Favoriten" schon ganz andere Reaktionen erlebt. Zur Schlussrunde stand Hakob sogar bereit, mit etwas Glück noch die höchste Stufe des Podests zu erklimmen. Doch der wieder sehr starke Oliver Ellert ließ nur einen halben Punkt zu.

Bild Platz 14: Aram Azarvash

Wenn es nicht turbulent auf und ab geht, ist es nicht Aram. So kann ich meine zahlreichen Turniererfahrungen mit ihm zusammenfassen. Unter den beiden Niederlagen ist jene gegen Anna natürlich zu verschmerzen. Der Punktverlust in Runde 1 war hingegen nicht eingeplant. Aram ließ sich von einer unkorrekten Kombination des Gegners aus der Bahn werfen. Er dachte lange nach, verlor aber wohl beim Abzählen des Materials die Übersicht. Im Ergebnis waren zwei Figuren für die Dame deutlich zu wenig. Die Alternativ-Variante hätte hingegen sogar eine positive Materialbilanz (zwei Figuren für den Turm) ergeben. Doch solche Erlebnisse werfen Aram nicht aus der Bahn. Er spielt besonders phantasievoll, kann das aber oft nur umsetzen, wenn es Angriffsziele im gegnerischen Lager gibt. Eine Augenweide sind immer wieder seine kreativen Mattbilder. Da hat er uns allen etwas voraus.
Am Ende des Turniers steht mit 4½ Punkten das gleiche Ergebnis wie im Vorjahr. Numerisch überwiegen also die "Aufs" ganz deutlich. Angesichts der Qualität der Gegner hätte man allerdings ein "Ab" weniger auch ganz gut vertragen.

Immerhin ist Aram der erste Spieler, der für die Partienotation einen Duden brauchte. Wozu? Auflösung am Ende des Artikels.

Bild Platz 20: Alec Dücker

Selten hat die Turniertabelle so über die wirkliche Leistung getrogen. Alec kann mit seinem Turnier sehr zufrieden sein.
Fangen wir mit den wenigen Kritikpunkten an: Insgesamt ist seine Spielweise oft etwas zurückhaltend. In ruhigen Stellungen einen Plan zu finden, gelingt manchmal noch nicht. Dann sind passive Züge oft der erste Schritt zu einer Verschlechterung der Stellung.

Dass er es besser kann, zeigten vor allem zwei Partien. In Runde 2 gab es ein sicheres Remis bei 170 Punkten DWZ-Rückstand und dann das Meisterstück in Runde 5. Gegen den an Nummer 2 gesetzten Mitfavoriten (400 DWZ-Punkte Vorsprung) spielte Alec sehr stark und hatte schon klaren Vorteil. Dann folgten wieder einige der beschriebenen defensiven Züge, und die Partie drohte zu kippen. Doch Alec bewies starke Kondition und behielt in einem komplizierten Endspiel nach fast vollen vier Stunden Spielzeit einmal besser die Übersicht. Diesem schönen Sieg folgte eine Niederlage an Brett 3 gegen Oliver. In Runde 7 gab es das Duell zweier früherer Sieger des Sommer-Opens. Alec hatte es 2014 gewonnen, sein Gegner 2015. Hier fand unser Spieler dann leider nicht noch einmal zur Bestform der vorhergehenden drei Tage und verpasste so den möglichen Sprung in die Top-Ten. Selbst nach den beiden abschließenden Niederlagen steht noch ein schönes DWZ-Plus zu Buche.

Bild Platz 51: Fedir Fedorov

Der erste Turnierstart auf diesem Niveau kam für unseren Jüngsten noch etwas früh. Sein Verein verband damit die Hoffnung, dass er hier viele wichtige Erfahrungen sammeln und ganz viel lernen kann. Ja – ich denke, Fedir ist aus jenem Holze geschnitzt, dass er die zahlreichen drastischen Niederlagen wegsteckt und letztlich viel Profit aus dem Turnier ziehen wird. Hoffen wir, dass es bald auch Turnierangebote gibt, bei denen er das umsetzen und sich ganz weit vorn platzieren kann.

Ich habe viele gute Ansätze gesehen. Einige Partien gingen auch schon über eine für ihn noch ungewohnt lange Zeit. Oft gehörte Fedir schon zu den Kindern, die im Raum der hinteren Bretter die längste Partie spielten.
In Runde 1 hatte er ganz lange eine Mehrfigur, ehe ein kleiner Fehler dem Gegner doch noch entscheidenden Angriff ermöglichte.
Natürlich haben wir uns besonders über die beiden Gewinnpartien mit ihm gefreut – und darüber, dass die Turnierleitung so flexibel war, in Runde 5 statt "spielfrei" doch noch einen Gegner aus Fleisch und Blut zu finden, als in einer anderen Partie ein Spieler absagte.

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Verdiente Abwechslung:
Besuch im Computerspiele-Museum
Eines von Arams kreativen Mattbildern
Schon der Weg dahin war sehenswert.
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Vorn strahlt der Siegerpokal.
Im Hintergrund werden die wirklich begehrten Preise ausgepackt.
Das Siegerpodest:
Oliver Ellert, Daniel Lewin, Hakob Kostanyan
Aram und der Duden

In der fünften Runde befanden sich Alec und sein Gegner vor der ersten Zeitkontrolle in Zeitnot und mussten nicht mehr mitschreiben. Mit Zustimmung des Schiedsrichters übernahm Aram die Aufzeichnung der Züge auf einem gesonderten Formular. Das geht nun allerdings freihändig im Stehen mehr schlecht als recht. So reichte ihm der Schiri die erstbeste Schreibunterlage, die ihm in die Finger kam: Den in Klassenzimmern allgegenwärtigen Rechtschreib-Duden.


Bericht und Fotos: Thomas Binder