Unsere Erfolgsgeschichte 2019

An dieser Stelle wollen wir noch einmal die unvergesslichen Tage von Bad Homburg in Erinnerung rufen. Fangen wir mit den Dingen an, die so selbstverständlich sind, dass sie eigentlich nicht gesagt werden müssen:

Und dann gibt es nach dieser Meisterschaft noch zwei Weisheiten, auf die wir im weiteren Text sicher zurück kommen werden:

Bild Freitag

Drei Runden am Vormittag

Der Freitagvormittag hält mit drei Runden bei wachsender Schwierigkeit (= stärker werdenden Gegnern) die erste echte Bewährungsprüfung bereit. Wir konnten alle drei Spiele klar gewinnen, trafen dabei mit Hamburg immerhin schon auf einen Top-Ten-Gegner.
Dennoch bleibt hier unsere ganz leise Kritik bestehen: Das Schachturnier wird dem attraktiven Freizeitprogramm untergeordnet. Das führt zu einem sehr anstrengenden Zeitplan.

Im Auftaktspiel durfte unser Ersatzmann Grigorii (Bild links) ran. Danach rockte er von Runde zu Runde das DSM-Open ("Ersatzspielerturnier") und beendete es mit nur einer Niederlage auf einem phantastischen 2. Platz. Er wiederholt damit unseren besten Auftritt in diesen Turnieren. Schon 2006 hatten wir an gleicher Stelle den Silberrang im Turnier der Ersatzspieler belegt.

Eine Runde am Nachmittag

Auch in Runde 4 zeigt unser Team, dass es hier auf den Erfolg fokussiert ist. Gegen Karlsruhe (am Ende auf Platz 5) gelingt ein weiterer sehr deutlicher Sieg. Nur 1½ Brettpunkte haben wir am ersten Tag abgegeben. Die Tabelle führt uns auf Platz 2 hinter Offenbach. Wir haben zwar schon 2 Brettpunkte Vorsprung, doch die Buchholz-Punktzahl ist bereits jetzt gegen uns.
Mit diesen beiden Mannschaften und Lüneburg hat sich das Spitzentrio der Setzliste auch im richtigen Leben schon abgesetzt und wird die Podestplätze nicht mehr räumen.

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Bild Samstag

Zwei Runden am Vormittag

Runde 5 führt also die beiden Spitzenteams gegeneinander. Absehbar ist bereits, dass wir danach wohl gegen Lüneburg spielen werden. Für Nam (Bild rechts) heißt das, innerhalb einer Session auf die beiden einzigen DWZ-2000er und U12-Nationalspieler des Turniers zu treffen.
Das Duell gegen Offenbach wird knapp, aber verdient gewonnen. Wir sind der erste alleinige Spitzenreiter im Turnier. Ist die Tür zum Titel schon offen?

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Praktisch ohne Pause geht es nun gegen die Nr. 3 der Setzliste. Lüneburg hatte gegen Hamburg einen Punkt abgegeben. Doch jetzt sind die Niedersachsen auf den Punkt konzentriert. Unserem Team hingegen will gar nichts gelingen. Selbst Jakob hat seinen einzigen ganz kleinen schwachen Moment und spielt "nur" remis. Am Ende des Turniers wird er mit 7½ Punkten aus 8 Runden als bester Spieler am 4. Brett geehrt. Mega-Super-Turnier unseres Youngsters!

Doch zurück auf den Boden der Tatsachen: Die hohe Niederlage gegen die Norddeutschen kostet uns die Tabellenführung.

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Bild Bild Eine Runde am Nachmittag

Aber hier gelingt es keinem Team, alle Runden auf hohem Niveau zu halten. Jetzt war Lüneburg an der Reihe und wurde sofort von Offenbach mit einem hohen Sieg von der Spitze verdrängt. Doch wir ließen die Chance verstreichen, zum neuen Spitzenreiter aufzuschließen. Nur 2:2 gegen Hannover – das könnte zu wenig sein. Nams Gegner führte ein ganz starkes Endspiel vor, und Coco (Bild links) fand keinen richtigen Zugang zu ihrer Zeitnot. Schlimmeres verhinderten die Jungs an Brett 3 und 4. Jakob (Bild rechts) holte den nächsten Sieg, und Joachim war nach vier sieglosen Runden endlich wieder in der Erfolgsspur.
Ausgerechnet die großen Stützen des Teams an den vorderen Brettern erlebten am Samstag einen Albtraum: "1 aus 6" für unsere Spitze – können wir das noch ausbügeln?

Vor den beiden letzten Runden war klar, dass wir es nicht mehr in der eigenen Hand haben, Meister zu werden. Offenbach führt überlegen: Ein Mannschaftspunkt und die bessere Buchholz-Wertung.

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An diesem Abend sagte ich es jedem, der es (nicht) hören wollte: "Am Sonntag passieren hier noch Dinge, an die denkst du gar nicht."
Das war keine leere Hoffnung: Vor zwei Jahren hatten wir am Sonntag die Tabelle noch zu unseren Gunsten gedreht, im Vorjahr kam uns der sicher geglaubte Titel an diesem Tag noch abhanden.

Bild Sonntag

Zwei Runden stehen noch aus. Wir müssen zwei Punkte aufholen. Es wird ein kleines Wunder gebraucht. Aber am Sonntag – na gut, Sie wissen schon…

Zuerst aber gab es Glückwünsche für Joachim (Bild rechts), der heute Geburtstag feiert. Wie groß wird der Pokal, den wir ihm zum Zwölften schenken können?

Runde 8

Mit leicht mulmigem Gefühl geht es ins Berliner Derby. Doch unsere Spieler sind konzentriert und lassen nichts anbrennen. Offenbach hingegen gelingt nur ein Unentschieden gegen Trier – das war sicher nicht eingeplant und veranlasste den Trainer der Hessen noch einmal zu einer Umstellung.

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Der Showdown

Punktgleich gehen die beiden Spitzenteams in die letzte Runde. Es zeichnet sich ein ganz bitteres Szenario ab: Wenn alles normal läuft, werden wir Zweiter, sind punktgleich mit dem Sieger, haben den direkten Vergleich gewonnen und deutlichen Vorsprung nach Brettpunkten. Doch die Buchholz-Wertung wird gegen uns sein, weil einige Gegner aus der Anfangsphase des Turniers zu wenig punkteten.
Aber: Am Sonntag passieren hier noch Dinge, an die denkst du gar nicht!

Runde 9

Die Pflicht war schnell erfüllt: Gegen Paderborn – gewiss keine schwache Mannschaft – werden alle Partien gewonnen. Jetzt ruhen unsere Hoffnungen auf dem sympathischen Team aus Karlsruhe – bisher sicher unter Wert geschlagen und nun gegen die starken Offenbacher spielend.

Es steht 2:1 für Offenbach nach Sieg an Brett 4 und zwei aus meiner Sicht etwas voreiligen Remisvereinbarungen im Oberhaus. Alles hängt an Brett 3 zwischen Tobias Kiefhaber aus einer erfolgreichen badischen Schachfamilie und einer hier bisher meist im Open agierenden Offenbacher Spielerin. Und nun passieren sie, die Dinge, an die vorher niemand gedacht hat.
Tobias hat in der Schlussphase etwas Zeitvorsprung, doch dieser schmilzt dahin, als er die Überleitung ins Bauernendspiel durchrechnet. Er hat erkannt, dass dieses Endspiel für ihn gewonnen ist, aber wird die Zeit reichen? Der Junge spielt sehr genau, zwingt den König auf die h-Linie, zieht den g-Bauern ein und macht sich ans Mattsetzen. Der König wird die Linie entlang getrieben und auf g7 mattgesetzt – mit 2 Sekunden auf der Uhr hat es der badische Kampfzwerg geschafft. Er sichert seinem Team den wichtigen 5. Platz und macht uns zum Deutschen Meister. Unsere Spieler erlebten diese dramatische Zuspitzung hautnah mit und lagen sich sofort danach jubelnd in den Armen.

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Warum haben wir gewonnen?

Es gibt sicher viele Gründe für den Erfolg. Hier sollen nur die mentalen Stärken im Mittelpunkt stehen. Die Mannschaft ist gegenüber dem Vorjahr um ein Jahr älter geworden, und da kann man wirklich von "gereift" sprechen. Der Jüngste spielt eben auch schon ein sehr "erwachsenes" Schach und schlug sofort als enorme Verstärkung ein. Unsere Schwächephase war kürzer als bei den Konkurrenten und kostete einen Punkt weniger. Das Team und der Betreuer haben immer an ihre Chance geglaubt, auch in dem Wissen, dass am Sonntag Dinge passieren – ok, Sie erinnern sich.


Bericht und Fotos: Thomas Binder