Jugend-Herbst-Open 2018

Bild Der morgendliche Blick vom Balkon lässt keinen Zweifel: Es ist Herbst-(Open)-Zeit. Diese Hilfestellung der Natur war allerdings auch nötig, denn ansonsten lief für uns fast alles so wie beim Sommer-Open. Obwohl Thore nach seinem Sieg im September aus der Open-Szene "nach oben" abgewandert ist, dominierten wir auch dieses Turnier in breiter Front.
Dabei machte es uns die Konkurrenz durchaus nicht zu einfach. Zwar konnten nur wenige Spieler auf Augenhöhe mithalten, diese lieferten jedoch ansehnliche Kämpfe und sehenswertes Schach – allen voran Leonardo Frega, im Frühsommer noch Gesamtsieger des Schulschach-Einzelturniers der Klassen 7 bis 9.
Im entscheidenden Moment setzten sich unsere Spieler dann aber dank Nervenstärke, Konzentration und guter schachlicher Grundausbildung durch und fügten der Herderschach-Erfolgsgeschichte ein weiteres denkwürdiges Kapitel hinzu.

Erleben wir also noch einmal die Dramaturgie zweier spannender Tage:

Hamad – Popov
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1… Sh7-g5+ 2.Kh3-h4 Sg5-f3+
3.Kh4-h5 (Kh3 führt zum gleichen
Matt) 3… Df2-h2#

Runde 1

Der Einstieg ins Turnier glückte unseren Spielern vorzüglich. Fabian, Jakob und Uladzimir kamen zu recht leichten Siegen.
Auch Daniel begann mit einem Erfolgserlebnis. Er startete hier im Kontingent seines Vereins und konnte das Tempo seiner AG-Gefährten nur zeitweise mitgehen. Dennoch war ein Aufwärtstrend gegenüber dem Sommer-Open unverkennbar.
Das Duell der Freunde Vincent und Christ endete mit einem schnellen Sieg des schon etwas erfahreneren Spielers – man nahm es zur Kenntnis, ohne zu ahnen, welchen Siegeslauf Christ damit beginnen würde.
Zu den auffälligeren Werken dieser Runde gehört Egors Mattführung gegen einen der stärkeren Gegner (s. Abbildung).
Schließlich war da noch die Partie zwischen Andi und Leonardo Frega – vielleicht schon ein vorweg genommenes Finale? Jedenfalls begegneten sich beide Spieler mit höchstem Respekt, spielten betont sicher und einigten sich auf Remis, obwohl Leonardo mit einem Mehrbauern wohl noch etwas hätte versuchen können…

Runde 2

Auch Runde 2 läuft erfolgreich: Nur Egor und Daniel (am 2. Brett!) verlieren gegen starke Konkurrenz. Vincent zieht ein Freilos. Jakob, Andi und Fabian sind ihren Gegnern klar überlegen. Das Ausrufezeichen der Runde setzt unser Jüngster: Christ schlägt Uladzimir!

Bild Runde 3

Und weiter geht's in der Erfolgsspur: Vincent und Andi gewinnen ohne große Gegenwehr. Erneut bleibt vor allem Egors Partie im Gedächtnis. Sein Gegner hatte zwar mit der Dame auf h8 gewildert, doch im Gegenzug kam Egor (Foto rechts) zu einem Damenschach auf e4 mit Angriff auf den Turm h1. In einer geradezu tragikomischen Schlagfolge fraß sich die Dame dann durch die erste und zweite Reihe und nahm in den nächsten fünf Zügen (meist unter Schachgebot) beide Türme, zwei Leichtfiguren und einen Bauern vom Brett. Danach gab es am Ausgang der Partie keinen Zweifel mehr.
Unvermeidbar sind erneut ein paar interne Duelle dabei. Diesmal gehen sie "nach Papierform" aus: Am Spitzenbrett gewinnt Fabian gegen Jakob und auf den billigen Plätzen siegt Uladzimir gegen Daniel.
Und wie ergeht es Christ? So langsam ahnt man, dass er hier etwas Besonderes vorhat. Gegen den Mitfavoriten Leonardo hat er sogar einen Mehrbauern, doch steht der Gegner so stabil, dass sich dieser nicht ohne Risiko zum Gewinn verwerten lässt – Remis.

Nach dem ersten Tag hat also Fabian eine weiße Weste, was außer ihm nur dem jungen Mathias Gavilanez gelingt. Andi und Christ folgen mit 2½ Punkten und alle weiteren Vertreter unserer AG stehen bei "2 aus 3". Das ist eine tolle Basis für einen starken zweiten Tag.

Bild Runde 4

Die Spitzenpaarung sieht Fabian (Foto links) als Sieger. Lange hat Mathias auf Augenhöhe mitgehalten. Einige versteckte Drohungen wehrt er noch ab, doch dann tauscht Fabian auf der einzigen offenen Linie die Türme und erobert im nächsten Zug per Damenschach und Doppelangriff den verbliebenen weißen Turm. Er liegt nun allein an der Spitze, der Weg ist frei…
Vincent arbeitet sich mit einem weiteren Sieg an die Spitzengruppe heran. Auch Daniel kann sich über seinen zweiten Sieg freuen. Leider bleibt es dann bis zum Turnierende bei dieser Punktzahl.
Jakob liefert Leonardo einen zähen Kampf, der diesen vielleicht entscheidend Kraft für die nächste Runde kosten wird.

Die beiden internen Duelle dieser Runde enden nach langen Kämpfen remis. Egor und Uladzimir lieferten sich einen spannenden und gutklassigen Kampf. Leider glitten sie zum Schluss etwas in den Rumalber-Modus ab, was Egor vermutlich den möglichen Sieg kostete. Noch besseres Schach sah man zwischen Andi und Christ. Der um zwei (Schul)jahre ältere Andi machte Druck und stand wohl zeitweise auch besser. Doch Christ fand immer die beste Verteidigung und erzwang schließlich die Punkteteilung. Beide bleiben auch nach vier Runden ungeschlagen!

Bild Bild Runde 5

Die Spannung ist greifbar: Kann uns noch jemand die Dominanz im Turnier streitig machen? Am ehesten ist dies natürlich Leonardo Frega zuzutrauen. Er wird es mit Uladzimir zu tun bekommen. Dessen Turnier war bisher von Höhen und Tiefen geprägt, während der Makkabi-Spieler einen super-soliden, fast unbezwingbaren Eindruck hinterließ.
Doch "Ula" (links im Porträt und rechts während dieser Partie von angespannten Zuschauern umlagert) lief ausgerechnet jetzt zu Höchstform auf. Er spielte konzentriert, gewann dank einer Fesselung (ok – das war zuletzt auch sehr intensiv unser Trainingsthema) eine Leichtfigur und überstand auch den bedrohlichen Vormarsch des gegnerischen Freibauern bis h2 mit Glück und Geschick. Für Leonardo blieb dies die einzige Niederlage (bei zwei Remis), für unsere Spieler war der Weg auf das Siegertreppchen geebnet.

Dafür sorgten Fabian, Egor, Christ, Andi und Jakob mit ihren Siegen natürlich vor allem selbst. Vincent leistete gegen Andi zähen Widerstand, den er erst nach einer Zugzwangsituation im ansonsten ausgeglichenen Bauernendspiel einstellen musste. Fabian holt in der fünften Partie den fünften souveränen Sieg und Christ lässt dem bislang so stark aufspielenden Mathias keine Chance.

Vor der 6. Runde

Es ist wie beim Sommer-Open: Die vorletzte Runde brachte maximale Spannung mit weitgehend erfreulichem Ausgang. Dabei ging es viel aufregender und knapper zu, als die Ergebnisse und das Tabellenbild vermuten lassen.
Jetzt kann sich der Trainer entspannt zurücklehnen: Der Turniersieg wird ins Haus Herderschach gehen. Auch in der U12-Wertung haben Christ und Vincent gute Chancen. Wer wird am Ende ganz oben stehen? Wird es wieder ein komplettes Podium oder gar noch mehr? Holen wir den U12-Pokal?
Wir haben in der Herderschach-Geschichte schon viele Überraschungen erlebt – auch heute wird es eine geben.

Bild Bild Runde 6

Rein rechnerisch ist dies sogar unsere "schwächste" Runde, aber was heißt das bei diesem Turnier? Jakob (Foto rechts) hat – wie beim Sommer-Open – das Pech, in der Schlussrunde auf einen starken Gegner zu treffen, so dass er bei 50% stehen bleibt. Sein Kontrahent wird Zweiter der U12-Wertung und gewinnt – soviel sei schon verraten – den einzigen Pokal, der nicht an unsere Delegation geht. Die Partie war lange Zeit ausgeglichen, Jakob kam mit einem Mehrbauern ins Leichtfiguren-Endspiel, ehe der Gegner das Blatt noch wenden konnte.

Vincent (Foto links) ist seinem Gegenspieler hoch überlegen. Eine einzige kleine Unachtsamkeit kostet in Form des bösen Wörtchens "patt" einen halben Punkt. Nach der kurzen Enttäuschung kann sich unser Turnierneuling über Platz 3 in der U12-Klasse freuen. Wieder einmal haben die AG-Leiter bewiesen, dass sie genau den richtigen Moment erkennen, wann es Zeit ist, einen Spieler für externe Turniere ins Herder-Trikot zu stecken.

Bild Uladzimir hat gegen den jetzt wohl konditionell einbrechenden Mathias keine Mühe, kommt rechtzeitig wieder in die Spur und beendet ein insgesamt wechselhaftes Turnier auf Platz 4 – vor allen Nicht-Herderianern.

An Brett 1 und 2 sind wir in der letzten Runde unter uns. Andi und Egor liefern sich eine ansehnliche Partie, in der Andi (Foto rechts) nicht unerwartet nach langem Kampf das bessere Ende für sich hat. Damit bleibt er ungeschlagen, während Egor nach dem total verpatzten Sommer-Open langsam wieder zu alter Stärke zurück findet.

Und was passiert am Spitzenbrett? Ein Remis hätte Fabian den Gesamtsieg und Christ den U12-Titel gesichert. Doch es gibt Tage, da geht einfach alles. Ein solches Wochenende hat Christ erwischt. Fabian verlor früh die Dame gegen zwei Leichtfiguren. Wie es dazu kam, habe ich gar nicht so richtig gesehen.
Jedenfalls ließ Christ nichts mehr anbrennen, gewann auch diese Partie und blieb ungeschlagen. Ganz egal wie jetzt die Buchholz-Lotterie ausgehen würde – der Leistungssprung unseres jüngsten Spielers ist enorm. Es sind nicht einfach die Punkte, die in der Tabelle stehen. Seine ganze Partieanlage, sein ganzes Auftreten sind die Basis dieses Erfolgs!

Bild Nach der 6. Runde

Die Spannung blieb uns also über die letzte Runde hinaus erhalten. Andi, Fabian und Christ sind punktgleich. Wen würde Herr Buchholz, der Erfinder der gleichnamigen Feinwertung, nach vorn spülen? Alle drei hatten es verdient, alle drei hatten ein großartiges Turnier gespielt.
So entschieden nicht unbedingt Leistungsunterschiede, auch nicht die eigentlichen Spitzenpaarungen über Gold, Silber und Bronze. Vielmehr machten wohl die Punkte der ohnehin leicht bezwungenen schwächeren Gegner den Unterschied aus und sorgten für ein nie erwartetes Ergebnis:
Christ holt bei seinem zweiten Open-Start gleich den Gesamtsieg und verdient sich ein extragroßes Foto. Fabian wird Zweiter und gewinnt die U14-Wertung vor Andi und Uladzimir. Vincent komplettiert mit U12-Bronze ein für uns alle unvergessliches Turnier-Wochenende.

Die Fotos der Siegerehrung zeigen zunächst die U12 mit Bronze für Vincent und Gold für Christ. Auf dem rechten Bild werden die Besten der U14 geehrt: Uladzimir (3.), Andi (2.) und Fabian (1.)

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Bericht und Fotos: Thomas Binder